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  Tagebuch                          
                                   
 
                                     
    Chitz isch Fieraabe                
 
Abgehetzt, auf dem Gepäckträger den Karton mit den afghanischen Kekschen, stellt die Alte ihr Fahrrad an der Schulhausecke ab. Nun kann nichts mehr schief gehen, alles ist gut organisiert, vorausgeplant.

Was ist denn das?! Der Schutthaufen blockiert immer noch die ganze Zufahrt zum Hauptgebäude des Lycée Jamhuriat! Trotz freundlichen Bittens an den Vortagen war er von den Bauarbeitern nicht weggeschaufelt worden. Shah Wali, der Wächter hätte das heute tun sollen. Aber er ist gerade nicht da. Die Alte ist wütend, packt schimpfend den Vorabeiter am Arm, greift eine Schippe und fängt selber an zu schaufeln. Ihm bleibt nichts anderes übrig als zögernd zu helfen. Die Präsidenten können einfahren.

Wo sind die Kolleginnen, die die Teller mit dem Gebäck hätten richten sollen? Die Gäste sind da! Warum bringt Scher nicht verabredungsgemäß pünktlich den Tee? Ach so! Er musste ja für die Direktorin noch die Vorhänge in ihrem Dienstzimmer anbringen. In eine Woche lang nicht gewechselter schmuddeliger Arbeitskleidung kommt er 20 min verspätet seiner Pflicht nach. -

   
                                           
 
21. Juni 2007 Joint Committee: Dieser Zusammenschluss der afghanischen Wirtschaft, der Verwaltung, dem Erziehungsministerium und dem Jamhuriat- Gymnasium hätte laut Vorgaben der EC in regelmäßigen Abständen all die vergangenen 18 Monate immer wieder stattfinden sollen. Nun bildet dieses Ereignis den krönenden Abschluss des Projekts „Educating Afghan Women for Managment“
   
     
     
     
     
     
     
     
                         
       
   
           
           
           
           
           
 
Das Joint Committee
           
                             
 
Den Vorsitz des Projekts sollte die „Afghan Chamber of Commerce“ bilden. Immer wieder hatten wir diese Institution aufgesucht, trotz Unterschrift des EC Partner-Vertrags nie eine Unterstützung bekommen. Natürlich haben wir sie eingeladen. Wo bleibt die Repräsentantin jetzt? Die Association Femmes d’Europe in Brüssel war sowieso nur „schlafende Partner“. Der dritte Partner, das Erziehungsministerium, vertreten durch den Präsidenten für Berufsschulen! Noch vor einem haben Jahr hätten wir auch auf ihn vergeblich warten können! Heute leitet ein neuer Präsident, Professor Dr. Omary, ein Kanado-Afghane das Joint Committee das ein unvergessliches Treffen all derer wird, denen die Weiterentwicklung des Gymnasiums Jamhuriat am Herzen liegt. Die Vertreterin der Bank-e Mellie ist begeistert vom neuen Curriculum.
   
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
   
Professor Omary
   
                   
                                           
 
Afghanische Fachkräfte der Schule berichten über das Fortbildungsseminar im vergangenen Winter zu diesem Thema. SIEMENS will die Schule weiter auf dem Computergebiet fördern. Der Wirtschaftsreferent der Deutschen Botschaft sagt Unterstützung im Zusammenhang mit personeller Hilfe zu. Der Dekan für Volkswirtschaft der Universität Kabul bestärkt sein Interesse an fähigen Absolventinnen des Lycée Jamhuriat. Es wird ihm nicht daran mangeln. Waren die Zwölftklässlerinnen doch vom eigens für sie organisierten Schnupperstudientag restlos begeistert gewesen.
   
 
Im Industriepark
                         
                                           
 

Die „Alten“ atmen auf. Eine Last fällt von ihnen Jetzt ist Feierabend! Sie können ihre Heimkehr nach Deutschland vorbereiten.

Aber das Programm geht weiter. Allerdings sind die Meyer-Oehmes in den kommenden 6 Monaten selber die Geldgeber für Busse, Essen, Hausaufgabenbetreuung und alles was am Jamhuriat-Gymnasium dazu gehört. Die Abrechnung für die Europäische Kommission muss in Angriff genommen werden. Sie wird hoffentlich nicht Monate, wie im vergangenen Winter dauern, sondern nur Wochen.

Bei größter Sommerhitze vielfach zu Fuß kümmere ich mich wie im Vorjahr um die Praktikumsplätze für die Schülerinnen der beiden Abschlussklassen. Banken, Ministerien, SIEMENS, KAM AIR, DED, AISA sind gerne bereit.

Die Schule ist bekannt geworden. Der Sender ARTE filmt zweimal. Der deutsche EC – Botschafter für Afghanistan ist begeistert, bald darauf die französische Abteilungsleiterin der EC nicht minder. Der DED Landesdirektor ist nach seinem Besuch überzeugt, sich für die Vermittlung einer deutschen Wirtschaftsfachkraft einzusetzen. Wir arrangieren Vorträge für afghanische Universitätsprofessoren und den so kooperativen Präsidenten von AISA (Afghanistan Investment Support Agency.)

Der neue Präsident für Berufsschulen fördert das Lycée Jamhuriat wo er kann. Seit Schuljahrsbeginn kann man am besten abends ab neun Uhr mit ihm telefonieren. Fast täglich gehen die E-Maile hin und her. Die Alte ist Professor Omarys Vertraute in allen schulrelevanten Fragen. Wer wird neue Vizedirektorin, wer wird neue Schulleiterin? Morgens um sieben Uhr kann man den Präsidenten am besten aufsuchen. Der „Doktar“ versteht, dass die Lehrer schwänzen, mies arbeiten, abwandern, weil sie zu schlecht bezahlt werden. Er ist auf Bettelreisen im Ausland unterwegs und schafft es, allen Lehrern an „seinen“ Berufsschulen dreimal so viel Lohn auszahlen zu lassen wie an den übrigen öffentlichen Schulen. Dort will man abwandern.

   
       
  Direktorin Nasrin Tochi
Links:
Nasrin Tochi, beste Lehrerin für Volkswirtschaft am Lycée Jamhuriat übernimmt Mohsena-jons Direktorinnenstuhl im Juli. (Vor drei Jahren hatte sie mein Ersuchen abgelehnt. Jetzt habe sich die Zeit gewandelt.)
   
     
     
     
                             
       
Vizedirektorin Nafissa Mahbub
   
           
           
 
Rechts:
Nafissa Mahbub, frühere Schülerin des Lycée Jamhuriat, jahre-lang die beste Deutschlehrerin der Amani-Ober-realschule, wird am 5. Mai neue Vizedirektorin.
   
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
 
Die Direktorin Nasrin Tochi
     
                       
Rechts: Vizedirektorin Nafissa Mahbub
   
                                           
  Morgenapell am Wirtschaftsgymnasium Jamhuriat  Kabul  
Morgenapell am Wirtschaftsgymnasium Jamhuriat  Kabul
   
             

Morgenapell
               
                                           
 
Die Schule zählt über 1000 Schülerinnen. Für die vielen Neuankömmlinge sollten C- Klassen geschaffen werden, um die Mädchen im Deutschunterricht gezielter fördern zu können. Es war Anfang Mai schier ausgeschlossen. Ich musste sehr energisch werden. Einrichten von Leistungsklassen war damals völlig unmöglich, jetzt unter der neuen Schulleitung überhaupt kein Problem.
   
                                           
  Unterricht am Wirtschaftsgymnasium Jamhuriat  Kabul
Es ist unvorstellbar, was sich in den wenigen Wochen alles wandelt. Die Raumeinteilung wird so, wie vor der Renovierung im Frühjahr 2003 von mir geplant. Die Schule ist sauber! Die neue Direktorin kratzt und schrubbt eigenhändig die verkalkten Waschbecken. Lehrerinnen, alle Schulkinder sind gelockert und freundlich. Im Schulhaus herrscht Ruhe. Es wird pünktlich unterrichtet. Die beiden Damen kontrollieren ständig und überall, auch in der Schulküche.
   
                         
   
Hausaufgabenbetreung am wirtschaftsgymnasium Jamhuriatt Kabul
   
       
       
       
 
Unterricht
       
                         
 
Die Vizedirektorin organisiert die Hausaufgabenbetreuung am Nachmittag. Die Zwischenprüfungen zeigen: Der Leistungsstandard ist gestiegen. Er soll schon besser sein als an der Amani-Oberrealschule. Die beiden deutschen Kolleginnen des Aysha-e Durani-Gymnasiums planen im kommenden Schuljahr ebenfalls Hausaufgabenbetreuung nach unserem Muster.
   
     
     
     
     
     
     
     
     
                       
Hausaufgabenbetreung
   
                                           
 
Was früher völlig undenkbar war: Der Gedankenaustausch mit den deutschen Kollegen /innen der anderen Schulen wird selbstverständlich. Der neue deutsche Koordinator für die AORS, die AyDu und das LJ besucht unsere Schule gleich am ersten Tag und leert seinen Blechteller mit Reis und Auberginengemüse in der Schulkantine.

In wenigen Tagen erwarten wir die erste eigens für das LJ entsandte deutsche Fachkraft für DaF. Der lange Weg meiner wiederholten Anforderung über den Präsidenten Omary, den afgh. Erziehungsminister, den deutschen Botschafter, das Auswärtige Amt in Berlin die Zentralstelle für das Auslandsschulwesen in Köln war dort endlich erfolgreich.

Vermutlich können Sie alle mitfühlen, wie glücklich wir Altgewordenen sind.
   
                                           
                                           
                                           
 
Das andere Kabul
Leider herrscht nicht überall eitel Sonnenschein. Vom Fahrradfahren musste ich mich vor wenigen Tagen verabschieden. Früher riefen die Kinder: hauayu, hauayu! (Wie geht’s) Jetzt überholen mich Jugendliche mit dem Ruf: entechaari, entechaari (Selbstmordanschlag, Selbstmordanschlag) und versuchen immer wieder, mich durch Kurvmanöver zu Fall zu bringen. Die Autofahrer sind meist noch sehr zuvorkommend und rücksichtsvoll. Ein mich von hinten absichtlich anfahrendes Taxi bringt mich zu Fall. Die letzte Warnung.

Im nächsten Taxi bekomme ich dann zu hören:“ Die Ausländer sind schlecht. Sie sind reich. Sie arbeiten nur in die eigenen Taschen. Das Geld, das den Afghanen zusteht bleibt bei ihnen“. Haben sie nicht Recht? Jeder deutsche ISAF-Soldat erhält als Gefahrenzulage über 90€ pro Tag. Wie viel mehr erhalten die Experten? Ihre Häuser gleichen Dornröschenbunkern: Die Aussenwände spiegelglatt, damit Keiner hinaufklettern kann, obendrauf Wellblechgirlanden gekrönt von blitzenden Stacheldrahtrollen. Wächter wachen Tag und Nacht. In den Häusern bekommt man nichts vom Passat mit. Da gibt es keinen Luftzug mehr aber den Gestank und die ratternden Geräusche der Generatoren, denn Strommangel ist schon seit Wochen wieder in der Fünfmillionenstadt an der Tagesordnung. Man darf nur mit Fahrer im gekühlten Auto hinter Scheiben geschützt, das Funktelefon in der Tasche, vom Haus zur Arbeit fahren.

Sind wir leichtsinnig? Wir haben nur die bellende Kim, die jeder Mauerkletterer leicht erschießen kann. Aber wir stehen uns gut mit den Nachbarn, den Polizisten an den Ecken. Gegenüber im Burj-e barg, der Elektrizitätsverteilung, hockte ich kürzlich mit meinem PC auf dem Boden, als dringend noch ein Schreiben fertig gemacht werden musste und meine Akkus leer waren. Den Telefonkartenverkäufer an der Ecke hoffe ich, durch Sonnecreme gegen Hautkrebs zu schützen.

Warum richtet sich die Wut der Afghanen nur gegen die Ausländer und nicht gegen ihre eigenen Milliardäre der Opiummaffia, der Schmuggler, der durch Korruption zu Reichum gelangten? „Fahimpur“ eigentlich Sherpur, das auf dem Lehmruinenmilitärlager des Generals Fahim entstandene Villenviertel ist fertig. Solche Prunkpaläste aus 1001 Nacht mit mächtigen Balkongirlanden, mit Erkern und Zinnen, das Logo von Allah als Krönung, natürlich hinter hohen Mauern und Wachhäuschen hat keiner von Ihnen, liebe Leser, je gesehen.

Das Auto eines reichen Händlers wird bei Tageslicht durch unsere Straße von einem Gangsterauto verfolgt, die Straßengabelung von zwei anderen Fahrzeugen blockiert. Schießerei! Man zerrt das verletzte Opfer aus seinem Geländewagen. Ein Polizist, der helfen will, wird auch noch gleich angeschossen. Die anderen Uniformierten flüchten. – Nichts Besonderes! In dieser Großstadt inzwischen an der Tagesordnung wie in vielen südamerikanischen Weltstädten. Nur – schräg gegenüber unseres Gründstücks.

Überfälle von Banken häufen sich. Wir bräuchten dringend Geld, um Busfahrer, Hausaufgabenbetreuerinnen und Köche zu bezahlen!

So nebenbei
Wir begleichen Arztrechnungen, zahlen für Medikamente für Brillen der älter gewordenen Lehrerinnen. - Wovon soll eine Witwe plötzlich 8 Kinder versorgen? - Eine sehr gute Schülerin will die Schule beenden. Der Vater ist verschwunden, die Mutter krank. Niemand ausser ihr kann für den Lebensunterhalt der geschlagenen Familie aufkommen.-
Ich besuche unseren Kollegen Z. im Krankenhaus. Er kann kaum sprechen, wird u.a. auf Bluthockdruck und Nierenkrankheit behandelt. Im Deutschen Diagnostikzentrum wird festgestellt: Er hat zwei hoch gefährliche Darmparasiten. - Die Frau unseres Freundes leidet unter Drehschwindel – niedrigster Blutdruck (wird vielfach in afghanischen Krankenhäusern nicht richtig gemessen. -Einer Putzfrau in der Schule treten die Augen aus dem Kopf. Sie leidet unter Schilddrüsenproblemen. Wer soll die Arztkosten bezahlen? -Detlef schafft einen verkrüppelten Jungen aus dem Autobazar in das Irene-Salimi-Krankenhaus zu Operation. -Husseins vom eigenen Vater angezwungene Frau erwartet ein Kind. Im letzten Augenblick bringe ich sie ins amerikanische Krankenhaus. Mutter und eine Siebenmonatsfrühgeburt von 1200 g werden gerettet. Vorgestern wurde das „Mutter-Mädchen“ mit einem 1700 g –Winzling entlassen.

   
                         
   
                             
                             
                             
 
4.9.07
Detlef überreicht mir die verrosteten Ausfuhrnummernschilder für unseren Toyota. Jetzt können wir uns um die Visa kümmern.
" Ball isch wirkli Fieraabe „ würde man in Auggen sagen.
   
     
     
     
     
                             
                             
                             
                             
                             
                             
                             
                             
                             
                             
                             
                                           
                                           
 
Liebe Mitglieder, Spender und Freunde des FAOK, liebe Verwandte,

schon wieder neigt sich ein Jahr seinem Ende entgegen, ein Jahr, in dem viele von Euch in großer Treue unserem Förderverein immer wieder ihre Spende überwiesen haben und so zum Wachstum, zur Entwicklung der drei Kabul Gymnasien weiter beigetragen haben. Ohne Eure materielle und besonders auch ideelle Unterstützung wäre unsere Arbeit in Afghanistan nicht möglich gewesen. Eine Arbeit, die all die Jahre zuvor nicht so fruchtbar und erfolgreich gewesen ist wie 2007. Für diese Unterstützung danken wir allen Getreuen sehr, wird doch das Helfen für Afghanistan zunehmend schwieriger und von wachsenden Zweifeln begleitet.

1. Allen Schwierigkeiten zum Trotz!

Heute zitiert „Die Welt“ den Staatssekretär im Bundesinnenministerium, August Hanning: gegen Bundeswehreinrichtungen in Afghanistan gebe es pro Monat zwei bis vier Attentate. Wir seien dort mit im Zielspektrum. - Am 3.12. geisselt die FAZ die grenzenlose Korruption. Sie zerfresse das Vertrauen der Afghanen. - Die ISAF mahnt: „Wir brauchen mehr Sicherheitskräfte!“ - Der Afghanistan-Berichterstatter des Europäischen Parlaments kritisiert den schleppenden Wiederaufbau von Polizei und Armee.

Gib es nichts Positives aus Afghanistan zu berichten?

Die zierliche Deutschlehrerin legt die Geburt ihres 4. Kindes an den Anfang der letzten Winterferien. Am 1. Schultag im März ist sie wieder da als hätte sich nichts ereignet. Sie liefert ihr Bündel samt dem älteren Geschwisterchen im Kindergarten ab, die anderen Beiden sind in ihren Klassen Klassenbeste. Gestillt wird in der Großen Pause und gleich nach dem Unterricht .Zum Tratschen hat Diana-jon keine Zeit. Jede freie Minute nutzt sie zur Vorbereitung (eine Ausnahme in afghanischen Lehrerkreisen). Fortbildungskurse kann sie nicht besuchen. Im Winter lernt sie zu Hause. Sie ist eine der wichtigen Stützen bei der Hausaufgabenbetreuung. Wer verleiht ihr die Kraft?

Von Schmerzen gezeichnet, streckt mir Maruch-jon ihre Kreidestaub-bepuderte Hand entgegen. Nach einer Operation gönnt sie sich keine Rekonvaleszenzzeit. Der Mathematikunterricht darf nicht ausfallen. Mit fiebrigen Augen ist Sie immer auf der Suche nach Freistunden ihrer Klassen, um voraus zu unterrichten, denn sie weiss, dass sie noch mal unters Messer muss. Die Schülerinnen sollen nicht darunter leiden.

Der Mann unserer Oberlehrerin ist im Frühjahr an Herzinfarkt gestorben. Nun muss sie für ihre 8 Kinder allein sorgen. Keines ist verheiratet. Das Jüngste geht noch nicht einmal zu Schule. Verantwortungsbewusst, immer hilfsbereit, voll Freude an ihrer Arbeit hat Farida-jon keine Zeit zum Trauern und Grübeln.

Die Tagesschule prägt alle. Die Lehrerinnen mühen sich um bessere Stunden. Kritische Überlegungen zum eigenen Unterricht – wann hat es das je gegeben?
Unter den Schülerinnen entsteht ein Zusammengehörigkeitsgefühl über die Familien- und Stammesgrenzen hinweg. Gemeinsam im Bus, gemeinsam am Mittagstisch – oft wird er durch etwas Salat bereichert, den man zusammen zubereitet.

Die meisten Schülerinnen wollen lernen. Viele opfern ihre Freizeit und besuchen noch Deutschkurse im Goethe-Institut. Den Ärmsten hilft der FAOK. - Die Winterpraktika - gleich zu Beginn der Ferien - gehen dieser Tage zu Ende. Für 50 Schülerinnen der 11. und 12. Klassen mussten in Firmen und Ministerien wieder Plätze gesucht werden. - Schon im Sommer bestürmen mich die Schülerinnen der Mittel- und Oberstufe und fragten nach Winterkursen. Im vergangenen Jahr hatte die GTZ sie finanziert. In diesem Jahr sponsert der FAOK mit „Eurem“ Spendengeld.

Es heisst, das Wirtschaftsgymnasium Jamhuriat sei die beste Schule Kabuls geworden.

Das alles gelänge nicht ohne die neue Schulleitung.

Morgens pünktlich viertel vor acht Antreten der Schülerinnen im Hof. Alle sind da. Ordnung, Disziplin, Pünktlichkeit sind die Prinzipien der neuen hervorragenden Direktorin Nasrin-jon Tochi. Lehrerinnen und Schülerinnen, das ganze Personal mussten sich an ihr strenges, unerbittliches Regiment gewöhnen. Da gibt es keine Klassen mehr ohne Lehrerin. Da wird nicht mehr im Schulgebäude herumgetobt. Es herrscht Ruhe. Es wird gearbeitet. Das Schulhaus ist sauber. Diese Direktorin bettelt nicht hinter meinem Rücken um Reis, Fett, Tee und Zucker in der Küche. Der Koch und sein Personal fürchten ihre überraschenden Kontrollbesuche.

An Nasrin-jons Seite arbeitet die nicht minder hervorragende Vizedirektorin Nafissa-jon Mahbub. Sie spricht fließend Deutsch, war früher die beste Deutschlehrerin an der Amani-Oberrealschule. Fortbildungsaufenthalte in Deutschland ließen sie geradezu „preußisch“ werden. Sie ist sehr ideenreich, arbeitsbesessen und konsequent wie ihre Vorgesetzte.

Im Triumvirat ist es für mich eine Freude eine noch bessere Schule zu planen.

Der Präsident für Berufsschulen, Professor Dr. Omary, Auslandsafghane aus Kanada, rechte Hand des Erziehungsministers hat die neuen Kapitäninnen für das „Schiff“ Jamhuriat eingesetzt. Der offizielle Arbeitstag des „Doktars“ beginnt um 7 Uhr morgens und endet um 11 Uhr nachts.

Er war es auch, der sich für seinen Minister an die Deutsche Botschaft mit der Bitte um Entsendung von deutschen Expertinnen mit Erfolg gewandt hatte.
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Am 10. September wird Frau Rektorin Sedeqi aus Karlsruhe als neue Deutschlehrkraft am Lycée Jamhuriat eingeführt – ein Meilenstein in der Entwicklung der Schule. Diese wird hinfort wie die beiden anderen Gymnasien Amani und Aysha-e Durani von Deutschland gefördert. Wie bei den dortigen entsandten Deutschkollegen/innen gibt es für sie keinen Dienst nach der Uhr. Die Jamhuriat- Fremdsprachenabteilung wächst zu einer großen Familie. Unterrichtsstunden werden geplant, kontrolliert und nachbesprochen. Die Winterkurse werden vorbereitet.

Freilich ist Gabriele Sedeqi an die Auflagen des Auswärtigen Amts gebunden. Auch ihr Domizil gleicht einer kleinen Festung. Ein Auto mit Fahrer ist das einzige erlaubte Transportmittel. Über Funktelefon ist sie ständig mit der Botschaft in Verbindung, wird unaufgefordert über alle bedrohlichen Ereignisse in der Stadt informiert. Der Stress, dem die Auslandslehrkräfte ausgesetzt sind, ist beträchtlich. Nach 2 – 3 Monaten immer wieder raus aus dieser Gefängnissituation ist unabdingbar. Es müssen starke Menschen sein, opferbereite, engagierte, die etwas bewegen wollen. Dazu gehört auch der neue Koordinator Herr Dr. Thieme. (Allerdings gibt es auch solche, die das große Geld lockt, die „Zitterprämie“).

Die Meyer-Oehmes wollen nun wieder nach Deutschland zurückkehren? Fast acht Monate haben sie wie die benachbarten Afghanen gelebt und ihre Altenzeit den drei Schulen, besonders dem Jamhuriat-Gymnasium geopfert. Ihr einziger Schutz war Kim.


2. Nur 8252 Kilometer!

1 ½ Monate dauern die Vorbereitungen für unsere Heimreise. Sie müssen heimlich geschehen. Unsere Freunde und Kollegen bleiben im Ungewissen über den Aufbruchstermin. Vor der Abreise drohen mir manchmal die Kräfte zu versagen, besonders, als unser Hussein 10 Tage zuvor plötzlich wegbleibt. Wegen eigenem Verschulden musste er das Auge des Gesetzes fürchten und in den Untergrund abtauchen. Sortieren, Aufteilen, Packen. Jedes Fleckchen im Auto muss genutzt werden.

In Pul–e Khumri, auf der Nordseite des Hindukusch, überfällt uns die Dunkelheit. Wir konnten am 30. September erst mit 4-stündiger Verspätung in Kabul aufbrechen. Unser Toyota-Kleinbus war bei den verschiedenen Straßenkontrollen in der Koh-Daman-Ebene und im Hindukusch nicht aufgefallen. Nach afghanischer Weisung hätten wir Ausländer gar nicht ohne Begleitauto oder bewaffneten Schutz fahren dürfen.

Bei Nacht wollen wir nun nicht mehr weiter, noch dazu auf der etwas berüchtigten Strecke in Richtung Mazar-e Sharif. Unser afghanischer Freund und Begleiter, Abdul Ghiaz, schlingt am Ende des Fastentags zwei Boulani (pfannenkuchenähnliche mit Kartoffeln und Lauch gefüllte Fladen) herunter, erkundigt sich bei einem Polizisten und meint: „Alles sicher!“ Der Truck-Verkehr ist mörderisch, schlimmer als auf einer deutschen Bundesstraße. Die Dunkelheit verhüllt unser ohnehin unauffälliges Auto. Wo bleiben wir über Nacht? Abdul Ghiaz drängt weiter. Jetzt erkennt uns niemand. Wir lassen die Enge von Taschkurgan hinter uns. Immer noch der gleiche brummende, stinkende Lorry-Gegenverkehr. Vor Mazar-e Sharif biegen wir nach Norden ab zum Grenzort Hairatan am Amu Darja. Die Straße ist einsam und verlassen. Mit Kim tappe ich über die vom leuchtenden Halbmond in kaltes Licht getauchte Steppe. Keine Minen!? Ich kann es kaum fassen. Wanderdünen engen die Fahrspur ein. Kontrollposten. Als nach Deutschland Reisende dürfen wir passieren.

Lange vor Morgengrauen kehrt unser treuer Freund nach Kabul zurück. - Zum letzten Mal beobachten wir morgens (aus unserem Auto am Straßenrand) afghanische Schülerinnen in ihrer schwarzen Schulkleidung, den Kopf mit weißem Chador verhüllt. – Die afghanische Grenzstation! Ein Gärtner wässert mit gelber Lehmbrühe des großen Stromes die verblühten Rabatten. Das Tor zur Freiheit! Beinahe hätte es sich nicht geöffnet. Denn es fehlt ein Stempel des afghanischen Aussenminsteriums in Kabul, Garantie, dass wir mit dem Auto auch wieder zurückkehren werden. Schließlich ist der Polizeibeamte mit einer Kopie des vorjährigen, gestempelten Dokuments einverstanden.

Die Friedensbrücke über den Amu Darja! Im Sommer 2002 hatten wir sie nach tagelangen Schwierigkeiten von Termez aus befahren dürfen. Seit ca. 10 Tagen ist sie jetzt für „normale“ Reisende aus und nach Afghanistan geöffnet. Wahrscheinlich sind wir die ersten Nicht-Afghanen. Wir sollten es büßen müssen.

Freiheit! Sicherheit! Wir sind glücklich. Wie freundlich wir von den ersten usbekischen Grenzbeamten empfangen werden! Oben am Hochgestade warten in den großen Hallen hinter dem Zaun noch die Zöllner mit ihrem nach Drogen schnüffelnden Hund. Er wird bei uns nichts finden. Doch dann erleben wir die schlimmste Zollkontrolle unseres Lebens. Zwei, drei Beamte reissen alles auf, durchwühlen die Koffer, machen sie kaputt und werfen den Inhalt wirr auf den öligen Zementboden. Schubladen, Sitzbank, Hängeschrank werden durcheinander gewühlt. Sie stechen in Kopfkissen, den Sack mit Hundefutter. Sehen wir alten Leute wie Drogenschmuggler aus? Nach zwei Stunden meint der uniformierte Boss ob ich jetzt zufrieden sei und lässt uns hämisch grinsend mit dem Towahobohu fahren. - 3 ½ Stunden schaffe ich im verzweifelten Wettlauf mit der Sonne in einer Tamariskensenke in der Sandwüste östlich von Termez wieder Ordnung - ehe der rote Ball die Landschaft golden verzaubert.

Impressionen aus Usbekistan: Gelbbraune Gebirgswüsten, Schaf- und Ziegenherden an den Hängen. Wo bleibt der brausende Verkehr Afghanistans? Die Asphaltstraßen sind kaum befahren. In den bewässerten Gebieten nördlich des Amu Darjas, weiß gekalkte Walmdachkaten inmitten von Maulbeerplantagen und Aprikosenhainen, eingezäunt riesige Berge von Baumwolle. Frauen in langen dunklen rosengeschmückten Gewändern auf dem Weg zum kümmerlichen Markt: Zwiebeln, Tomaten, ein paar Melonen. Mittagsrast in heisser, blühender Dornstrauch-Wüstensteppe. Wir nähern uns dem Industriegebiet von Qarshi. Hier ist der Lebensstandard höher. Prächtige Schul- und Universitätsgebäude aus „alter“ Zeit, Läden voller Zivilisationsramsch. In der Ferne die brennenden Fackeln eines Erdgasgebiets. Wir überqueren die Bahnlinie nach Taschkent. Das Tanken bereitet Probleme. Wir haben zu wenig Sum. Der Dollar ist hier nicht erwünscht. Die Großstadt Buchara mit ihren modernen Wohnvierteln am Stadtrand umfahren wir in weitem Bogen (die malerische Altstadt war 1997 unser Ziel gewesen.). Es wird dämmrig. Fröstelnde Frauen bieten am Straßenrand die letzten Trauben zum Verkauf.

Entgegen der Auskunft des usbekischen Diplomaten in Kabul ist die usbekisch-turkmenische Grenze „natürlich“ nachts geschlossen. Am kommenden Morgen bläst ein eisiger Wind aus Norden – er muss direkt aus Sibirien kommen -über die in Tücher gehüllten bibbernden grauen Gestalten und den schilfgesäumten Kanal hinweg. Wir warten inmitten der riesigen türkischen Trucks, der leeren Autotransporter aus Kasachstan. Natürlich ist es immer der „Pass“ von Kim, der besonders wichtig genommen wird.

Auf turkmenischer Seite zahlen wir 2$ in Voraus für das Telefongespräch nach Ashgabat wegen der in der Hauptstadt zu erteilenden Einreiseerlaubnis für unseren Hund. Wie all die früheren Jahre zocken uns die Turkmenen gewaltig ab. Nach 4 ½ Stunden haben wir die ganze Prozedur endlich geschafft. In fast allen Orten ist der vergoldete Turkmenbashi von seinem Podest gestürzt. Meist bleibt es leer. Der Nachfolger des „Großen Führers“, der sich und seinen Clan maßlos bereichert hat und das Land in den Ruin trieb, gibt sich zurückhaltend und vorsichtig. Die Bevölkerung ist in den wenigen Monaten nach dem Regierungswechsel aufmüpfiger geworden. Mehrmals erklären sich Männer nur gegen kräftige Bezahlung bereit, uns den Weg zu weisen. Wir finden die Pontonbrücke über den Amu Darja schließlich auch ohne sie.

Wie vor 5 Jahren mache ich einen Mords-Krach, weil man uns für die Brückenbenutzung wieder 60$ abverlangen will. Ein Aushang zeigt, dass unser mini Minibus seit Jahren als großer Reisebus für 30-50 Personen eingestuft wird, auch an den turkmenischen Grenzübergängen. - Der braune Fremdlingsfluss führt wenig Wasser. Die Herbstregen haben am Oberlauf noch nicht eingesetzt. Wieder Straßensuche. In Usbekistan sahen wir einmal ein Schild Ashgabat. Hier suchen wir einen Hinweis zur eigenen Hauptstadt vergebens.

Der große Markt von Chardzhev hat ausser Tomaten, Sonnenblumenöl, trockenen Keksen, billigem Waschpulver, Seife und Alkoholika kaum etwas zu bieten.

In der Karakum Wüste ereignet sich beinahe ein furchtbarer Verkehrsunfall, als Kim während einer Fotopause aus dem Auto witscht und Kamelen hinterher jagt.

Die Wüste scheint dem eisigen Nordwind Einhalt geboten zu haben. Jedenfalls können wir die fetten turkmenischen Speisen 230 km südlich am Abend im Straßenrestaurant unter freiem Himmel genießen. In der Nacht dröhnen ständig schwere LKWs nach Norden.

Im letzten halben Jahr hat der Autoverkehr erstaunlich zugenommen. Die eintönig-grauen Blechkisten russischer Bauart weichen secondhand Wagen aus Japan. An den Verwaltungsgrenzen werden wir kaum noch kontrolliert. Die Armut der Landbevölkerung schreit weiter zum Himmel. Früh gealterte Frauen mit ledrig-braunen aber lachenden Gesichtern reissen die letzten vergessenen Baumwollkapseln von den Stauden oder bieten getrocknete Melonenbündel an. Turkmenistan ist hinter seinen nördlichen Nachbarn in der Entwicklung noch meilenweit zurück

Die Straße zur Hauptstadt ist schlechter geworden. In dem an Erdöl so reichen Land sind die spärlichen Tankstellen teilweise ohne Diesel und bringen uns in arge Bedrängnis. -Kein Hinweis zum nahen Grenzübergang in den Iran. Ich treibe zur Eile. Weshalb? Es ist noch nicht einmal drei Uhr nachmittags. Aber unser turkmenisches Visum läuft ab. Die Hallen der Grenzstation sind verlassen. Ein Offizier schließt gerade seinen Schreibtisch ab. Dann aber wird gerannt und gehastet. Dieser Stempel wird hervorgekramt, jene Unterschrift eingeholt. Die Erlaubnis der Ausreise von Kim wird telefonisch nachträglich eingeholt. Die ganze Grenzbelegschaft winkt uns ab. „Bei den Iranern kommt Ihr nicht mehr rein“, hören wir kaum. – Gerade noch geschafft!.

In der iranischen Grenzstation Lotfabad warten hunderte von Container-Trucks auf die Weiterfahrt, an den Abfertigungsschaltern herrscht gähnende Leere. Noch nie hatten wir im Iran eine so freundliche Grenzkontrolle erlebt. Bakschisch wird strikt abgelehnt, ein Geschenk nur sehr zögernd genommen. Jeder bemüht sich, uns in letzter Minute doch noch die Weiterfahrt möglich zu machen. Schließlich: Der Veterinär ist schon nach Hause in die nahe Stadt gefahren. Wir werden auf den kommenden Morgen vertröstet. Aber am heiligen Freitag wird niemand abgefertigt. Bis zum Mittagsgebet schaffen wir es dann doch.

Der Iran ist ein Eldorado für Autofahrer. Die Straßen - meist vierspurig, Gegenfahrbahnen häufig weit voneinander getrennt – sind ausgezeichnet. Die grünen Orts- und anderen Schilder weithin sichtbar auf Persisch und Englisch, die Verkehrsschilder gut sichtbar platziert. Viele neue Tankstellen sind im Entstehen. Wie früher bieten sie uns den Standplatz für die Nacht und sind immer mustergültig sauber. Die Freundlichkeit der Iraner durften wir auf all unseren Fahrten durch dieses Riesenland erleben. Vier Tage brauchten wir bis zur Grenzstation Bazargan in die Türkei.
Den Marathon haben wir hinter uns und alle Grenzen vor Visaablauf überquert.
Nun sind wir ausgelaugt und müde, ich ein halbes Nervenbündel. Wo sollen wir uns regenerieren?

Die Erholung beginnt gleich nahe dem Ararat mit der Besichtigung des malerischen Ishak Pasa Seray . Lavaströme auf grünen Wiesen an der iranischen Grenze auf dem Weg zum Van-See, die beruhigende Landschaft am Nordufer, die frühchristliche Kirche (10.Jahrh.)auf der Akdamar-Insel sind die ersten unvergesslichen Eindrücke. Engtäler, Schluchten und vulkangeprägte Hochflächen mit großen Herden, reiche Ackerbaulandschaften, Stauseen, alte Städte wie Hasankeyf und Diyarbakir am Tigris, der Gottkönigthron Nemrut Dagi – Wir sind wie ein trockener Schwamm nach dem langen Aufenthalt hinter Kabuler Mauern.

Manche Nächte bleiben unvergessen: stundenlanges Hundegebell, von Mücken zerstochen, mal schweissgebadet, mal hinter Eisblumen am Fenster, draussen alles weiß. Die Landschaft um Göreme mit den beeindruckenden Höhlenkirchen begeistert uns 5 Tage. Der einmalig gelegene Campingplatz ist ein Treffpunkt für „Globe“fahrer aus aller Welt: Wladiwostok, Hongkong, Birma, England, die Niederlande, das Ruhrgebiet. Man lauscht ergriffen.

Dann beginnt die Heimfahrt durch den hoch entwickelten, industrialisierten Nordwesten der Türkei über die Dardanellen nach Europa. – Einmal nicht über Griechenland und Italien!

An der türkisch-bulgarischen Grenze schieben die EU-Bulgaren entrüstet ihr Schalterfenster zu. Solche Autopapiere waren ihnen noch nie begegnet. Mit der seltsamen Nummer werden wir auch weiterhin wie halbe Verbrecher behandelt. Die Straßengebühren sind horrend, die Länder an Donau und Drau liegen in ihrer Entwicklung meilenweit hinter dem Iran oder gar der Türkei zurück. Dieser Teil des Balkans sieht uns nicht noch einmal.

Am 30. Oktober kommen wird gesund und ohne Panne in Auggen an. „God bless you“, hatte uns der afghanische Präsident für Berufsschulen vor unserer Abreise in Kabul gewünscht. Sein Gebet ging in Erfüllung. Wir danken Gott.

3. Die Hoffnung bleibt

Nach unserer Rückkehr aus Afghanistan habe ich am 22. November ein äusserst konstruktives Gespräch im Auswärtigen Amt, Berlin. Endlich soll auch eine Fachkraft für Wirtschaft und Computer an das Jamhuriat-Gymnasium geschickt werden. Dem Drei-Säulen-Projekt: der Tagesschule (Busse, Mittagessen, Hauaufgabenbetreuung) steht man sehr positiv gegenüber.

Allerdings wird auch klar, dass für den laufenden Unterhalt der drei Vorzeigegymnasien kein Geld zur Verfügung steht. „Dafür müssen die Afghanen selber aufkommen.“ Wie das geschieht verdeutlichen Amani-und Aysha-e Duranischule. Sie sind lange nicht mehr so sauber und gepflegt wie früher. Es bleibt dem Förderverein überlassen, die Infrastruktur der drei Schulen zu stärken. Bitte unterstützt uns weiter. Das Erziehungsministerium finanziert keinen Hausmeister. Was wäre das Lycée Jamhuriat ohne den vom Computer bis zum verstopften Schülerklo reparierenden Scher? Die Männer an den anderen beiden Schulen mussten aus finanziellen Gründen entlassen werden. Nur mit Eurer Hilfe können die drei Gymnasien Spitzenschulen des Landes sein. Die Lehrer warten weiterhin auf Euer Geschenk zum Lehrertag. Wer unterstützt sie bei schwerer Krankheit, bei Operation, bei einem plötzlichen Todesfall in der Familie?

Im März 2008 will ich wieder nach Kabul zurückkehren – wenn die immer schlechter werdende Sicherheitslage es zulässt. Ich möchte die lernwilligen afghanischen Jungen und Mädchen nicht allein lassen und ihren Eltern zeigen, das Deutsche ausdauernd helfen. Bitte unterstützt mich in diesem Dienst.

Es wünschen Euch allen ein frohes, friedvolles Weihnachtsfest in Sicherheit, Wärme, bei Licht und Geborgenheit!
Es wünschen Euch allen ein gesegnetes Neues Jahr

Ruthild und Detlef Meyer-Oehme


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Nur drei Wochen

Am Rande

Es wird dämmrig. An der Straße nach Darul-Aman stehen die LKWs in Reih und Glied aufgereiht. Noch sind die Straßen für sie gesperrt. Die Backsteinladung in Fischgrätenmuster fein säuberlich geschichtet, warten sie darauf, ihre Last bei Nacht in die Stadt fahren zu können. An der großen Ausfallstraße nach Osten warten die Sattelschlepper mit den Zementsackladungen und die Sandlaster. Der Bauboom hält in Kabul unvermindert an. Kleine Hochhäuser, Minikopien ihrer großen Schwestern in Dubai mit glitzernden Glasfassaden, prunkvolle Hotels für den Tourismus der Zukunft schossen über Winter wie Pilze aus dem Boden. Die Karren der Obsthändler, der Altkleider- und Schuhhändler zu ihren Füßen nehmen sich wie hässliche Tiere aus einer vergangenen Zeit aus. Die „Grüne Ladenstraße“, für jeden Alt-Kabuler ein fester Begriff, war einmal. Bagger und Bulldozer kennen keine Eigentumsrechte.

Der Verkehr hat weiter zugenommen. Mit Sirenengeheul schaffen sich die für Sicherheit sorgenden afghanischen Polizeifahrzeuge voller Bewaffneter Fahrtrecht. Den Fahrzeugen der ISAF, hoch oben die bis an die Zähne gesicherten Soldaten hinter ihren auf die Menge gerichteten hin und her schwenkenden Bordkanonen, weicht man angstvoll aus, so gut es geht. Trotz möglichst kreuzungsfreien, neu geschaffenen Einbahnstraßen geht es oft nur im Schritttempo vorwärts. Für Fahrradfahrer bleibt dann der holprige „Geh“weg. Im Villenviertel Wazir Akbar Khan gibt es neue Schranken, ganze Straßenzüge sind durch riesige Betonblöcke einseitig gesperrt. Allerdings - in der Shar-e Nau müssen Amerikaner weggezogen sein. Dort sind Betonblocksperren weggeräumt. Ich profitiere davon auf meinem Weg zur Schule.

Auf den Ausfallstraßen, an großen Kreuzungen in Stadtrandnähe stockt der Verkehr. Polizisten kontrollieren die Autoinsassen, schauen in die Kofferräume - bei Tag und besonders bei Nacht. Nachtleben – das gab es noch vor zwei Jahren. Jetzt sind die Straßen nach neun Uhr fast ausgestorben. Nächtliche Einbrüche, Entführungen reicher Afghanen zu Lösegelderpressung nehmen zu.

Weite Strecken fahre ich stets mit dem Taxi. Immer die gleichen Fragen an den Taxifahrer: verheiratet? „Ja“. Kinderzahl? „7 – 10“. Gehen sie zur Schule? „Ja“ (früher gab es da meist ein „Nein!“). Natürlich manche bereits verheiratet, aber nicht arbeitslos (ein Fortschritt).

Bei Fragen zur Politik werden sie alle ganz erregt: Karzai-Regierung schlecht, korrupt! Paschtunen, aber auch die meisten tadjikischen Fahrer: Kampf gegen Taliban überflüssig, besser eine Taliban-Regierung, da herrscht Ruhe und Ordnung. Die Amerikaner arbeiten mit den Taliban zusammen, unterstützen sie, profitieren von ihren Drogengeldern und kämpfen andererseits gegen sie. Keine ausländischen Soldaten! ISAF überflüssig! Ausländer raus!! Sie verdienen in Afghanistan viel. Das Land bleibt weiter arm.

Keiner der Fahrer nimmt mir ab, dass ich von der „Taqa’ud“, der Pension meines Mannes in Kabul bin und nichts in Afghanistan verdiene.

„Heimkehr“

Ich finde Unterschlupf in dem kleinen Zimmerchen, in dem unser früherer Helfer Hussein gehaust hat. Bewacht von drei Hunden fühle ich mich wohl und sicher.

Am ersten Tag nach meiner Ankunft soll mich ein Taxi zum WG Jaqmhuriat bringen. An der Kreuzung der „ungeborenen Kindlein“ will man den Fahrer nicht in die Innenministeriumsstraße einbiegen lassen. Als die Polizisten mich im Auto sehen lachen sie und geben uns die Fahrt frei. - Rückweg zu Fuß. - Wo denn das Fahrrad sei, werde ich vielfach gefragt. Das benutze ich dann in den kommenden Tagen.

Nicht nur der alte Wächter am Tor, „Baba Nassim“, wäre mir am liebsten um den Hals gefallen.

Draussen ist es frühlingshaft warm, drinnen geben die dicken Wände winterlich feuchte Kälte ab. Von letzten Ferientagen keine Spur: Nachprüfungen für nicht versetzte Schülerinnen. - Alphabetisierungskurs durch Gabi Sedeqi für Lehrerinnen der Klassenstufen 1-3 der beiden Schulen WG Jamhuriat und AORS („Guten Tag! Wie geht es Ihnen?,“ begrüßen mich die verhärmten Frauen freudestrahlend im Chor. Sie sind so glücklich, dass man sich um sie kümmert und sie fördert.) - Die Verwaltungsbeamten warten auf Unterschriften. - Eltern wollen ihre Töchter anmelden und werden immer wieder abgewiesen. („Wir haben keinen Platz mehr“). –

Es dauert mehrere Tage, bis die Direktorin, die Vizedirektorin und ich Zeit finden, die Finanzen der Vergangenheit zu besprechen und die Zukunft zu planen. Das ist schwierig. Weiss man doch am Tag zuvor noch nicht, ob der Mittwoch frei ist und Mohammads Geburtstag gefeiert wird, ob das Neujahrsfest am freien Freitag oder wegen des Schaltjahrs bereits am Donnerstag gefeiert wird, ob am Samstag noch frei ist oder bereits der erste Schultag. („Unglücklicherweise“ fällt Mohammads Geburtstag und das Neujahrsfest auf denselben Tag, den Donnerstag.) Dass am Samstag frei ist, erfahre ich durch die Vizedirektorin erst am Freitagabend. Die Direktorin musste zu Schulbeginn zur medizinischen Behandlung nach Indien fliegen und wird erst nach meinem Abflug aus Kabul wieder nach dorthin zurückkehren. Leider – ich schätze sie sehr. Die Vizedirektorin Nafissa verliert die Ruhe nicht und meistert das Towahobohu der ersten Tage ohne gültigen Stundenplan mit 8 Klassen ohne eigenes Klassenzimmer. Allerdings kommt sie dadurch nicht zur Übersetzung des neuen von Inge Banauch MBA erstellten Lehrplans für die Fachrichtung Bürokommunikation, der vor dem Schuljahrsneubeginn als Geschenk für unser Wirtschaftschaftsgymnasium fertig gestellt wurde.

Das Wirtschaftsgymnasium Jamhuriat hat jetzt 1300 Schülerinnen. Wie viele Schüler-Karten brauchen wir? Die Druckerei ist an den Ostrand der Stadt gezogen. E-Mail-Kontakte gestalten sich schier unmöglich. Nach 12 Tagen werden endlich die bestellten 900 Karten geliefert. Inzwischen brauchen wir noch 100 mehr! - Wie viele Busse sollen wir anheuern? Schließlich sind es 13. - Wie viele Essen sollen gekocht werden? Scher kauft Holz, Unmengen von Reis, Bohnen, Erbsen, Dal, Öl und ist entsetzt über die hohen Preise. Die Portionen werden kleiner. Es bleibt kaum noch was übrig. Das „Passmaanda“ der Schülerinnen kratzen die Putzfrauen für sich zusammen.

Mein Kalender füllt sich stets mit neuen Terminen:

· Präsident für das afghanische Berufsschulwesen im MoE Prof. Dr. Omary. Unwissende Afghanen wollen den Typ des WG Jamhuriat mit anderen Wirtschaftsschulen nivellieren. Omary ist erbost.

· Leiter der EC-Delegation in Afghanistan, Dr. Kretschmer. Wird ein neues EC-Projekt am WG Jamhuriat zustande kommen?

· Leiterin des Goethe-Instituts Kabul, Frau Sache-Toussaint. Ob eine unserer afghanischen Deutschlehrerinnen im kommenden Winter ein Sprachstipendium in Deutschland wahrnehmen kann? Frau Sedeqi hofft zudem auf Kursstipendien für einige unserer Schülerinnen im Kabuler Goethe-Institut.

· Landesdirektor des DED, Dr. Schneider. Wie steht es mit einer Expertin für die Wirtschaftsfächer. Seit mehr als einem halben Jahr fehlt immer noch die schriftliche Anforderung von afghanischer Seite.

· Landesdirektor, der GTZ, Dr. Vereno. Für Afghanistan sind große Projekte zur Förderung des Berufsschulwesens geplant. Wird das WG Jamhuriat da mit einbezogen werden können?

· Herrn Botschafter Dr. Seidt besuche ich mit Dr. Vereno zusammen. Er ist wie bisher an der Weiterentwicklung und Förderung unseres Wirtschaftsgymnasiums für Mädchen sehr interessiert und unterstützt mich wieder sehr.

· Koordinator für die deutschen Lehrer, Herrn Dr. Thieme.Verantwortlich für die deutschen Lehrer ist er auch für deren Sicherheit zuständig. Das WG Jamhuriat gehört neuerdings mit zu seinem Aufgabenbereich. Einmal in der Woche unterrichtet er dort im „Tandem“.

· Sicherheitsbeauftragter der Deutschen Botschaft Kabul, Polizeioberkommissar Kuberski. Welches sind seine Vorschläge bez. der Sicherheitsvorkehrungen für das WG Jamhuriat?

Rawzia-jon, die aktive Direktorin der Bibi-Aysha-e Sediqa-Mädchenmoscheeschule. Sie möchte mich zum Erziehungsminister mitnehmen, um durch meine Gegenwart einen schnelleren Umzug ihrer Klassen in ein neues Gebäude zu erreichen. Allerdings fand sich in den drei Wochen nicht so schnell ein Termin.

Oft schlinge ich eine Kleinigkeit im Stehen herunter, weil keine Zeit zum Essen bleibt.

Vor Darul-Aman in Sala’uddin liegt das Zentrum für erneuerbare Energien, die European Technic Company (ETC). Es interessiert mich besonders. Hege ich doch den Gedanken, das teure Holz zum Kochen in der Schulküche durch Solarenergie zu ersetzen. Die Leute sind nett, die Solarspiegel nicht im besten Zustand, der Brotbackofen gerade ungenutzt, der afgh. Leiter nicht erreichbar, auch telefonisch in den nächsten Tagen nicht. Ich werde in Deutschland versuchen, mit den deutschen Fachkräften von www.solare-bruecke.org Verbindung aufzunehmen.

Zwei von der GTZ in das WG Jamhuriat gesandte Fachkräfte sind entsetzt darüber, wie viel Holz wir täglich verbrennen. Sie wollen einen Plan zur Minimierung des Heizmaterials ausarbeiten und mir per Mail zusenden.

Das Frühjahr ist viel zu trocken. Alle – Afghanen wie Ausländer - flehen um Regen. An meinem Abflugstag, Freitag dem 4.4., setzt er ein, zuerst nur zaghaft. Während der Taxifahrt zum Flughafen regnet es in Strömen. Der Taxifahrer meint, die ARIANA-Maschine würde nicht starten können. Doch sie schafft einen rumorenden Steilanstieg in die dichte Wolkendecke gen Norden.

Vorher bleibt mir Zeit zum Zurückdenken. Die 3 Wochen in Kabul waren übervoll. Die größte Überraschung wurde mir am letzten Tag beschert. In der von afghanischen Bauleuten wieder hergerichteten Theaterhalle des WG Jamhuriat führten die Winterkursschülerinnen „Schneewittchen“ auf. Bei den Aberhunderten von zuschauenden Schülerinnen herrschte atemlose Stille. Es war zwar nur ein einfaches deutsches Märchen, aber so etwas hatten sie noch nie erlebt. Der tosende Beifall wollte nicht enden. Gabi Sedeqi hatte das Stück geschrieben, Hassina-jon es mit den Schülerinnen eingeübt. Ich musste Freudentränen unterdrücken und fühlte mich nicht wohl bei den Ovationen, die auch mir dargebracht wurden.

Das Wirtschaftgymnasium Jamhuriat wird nicht mehr untergehen, wie im März 2002 der damalige Vertreter der ZfA entschieden hatte. In diesem Winter nehmen 32 Absolventinnen am Concours der Kabuler Uni teil. Gabi Sedeqi wird die Schülerinnen zur ersten Zertifikatsprüfung Deutsch im kommenden Jahr vorbereiten. Mit ihrem großen pädagogischen Geschick und ihrer Begeisterung wird sie nicht nur der Deutschabteilung, sondern die ganzen Schule mitreissen. Die Direktorin, die Vizedirektorin, viele engagierte Lehrerinnen werden dieses Gymnasium weiter fördern und somit die Entscheidung rechtfertigen, die ich auf der Deutschen Botschaft vor wenigen Tagen mit auf den Weg bekommen hatte: „Deutschland wird drei Gymnasien in Kabul gleichwertig fördern, die Amani-Oberrealschule, das Gymnasium Aysha-e Durani und das Wirtschaftsgymnasium Jamhuriat.“

Schlusslichter

In Istanbul landet ARIANA auf dem internationalen Atatürk-Flughafen. Nach einstündigen Kontrollen fährt der Havas-Bus mich der Dämmerung entgegen. In neun Stunden soll es mit dem Billig-Flieger Easy Jet vom Flughafen Sabiha Gökcen auf der asiatischen Seite nach Basel-Mulhouse weiter gehen. - Bin ich in einer orientalischen Großstadt? Über eine halbe Stunde begleitet ein breites buntes Tulpenband mit Stiefmütterchen oder Primeln darunter, gesäumt von sattem Grün die Schnellstraße am Bosporus. Eine solche Frühlingspracht habe ich noch nie erlebt. Die Blumeninsel Main ist dagegen ein armseliges Tröpfchen. Istanbul feiert das Tulpenfest! - Ein unvergesslicher Farbenzauber!

Wie wird es weiter gehen? Alle drei Schulen werden nun von Deutschland gleichwertig gefördert. Da es an den beiden anderen Schulen kein Bussystem, kein Mittagessen, keine Hausaufgabenbetreuung im Ausmaße wie bei uns gibt, ist zu fürchten, dass Deutschland, entgegen der bereitwilligen Förderung des Botschafters Dr. Seidt dieses „Dreisäulenprojekt“ trotz ermutigender Zusage im vergangenen November in Berlin nicht unterstützen wird. Seit Schulbeginn Mitte März trägt unser FAOK alle Ausgaben allein.

Wie wird es weiter gehen??? Durch die große Teuerung der Lebensmittel auf dem Weltmarkt schmelzen unsere Geldvorräte schneller als gedacht. Professor Omary forderte für das Dreisäulenprojekt „Sustainibility“. Noch ist es dafür zu früh. Die vielfach schmächtigen manchmal fast unterernährten Mädchen stehen geduldig wartend in einer langen Dreierreihe vor dem Eingang zum Essraum. Gerade die armen Familien werden von der anhaltenden Teuerung hart betroffen. Der Teller Reis mit Bohnen ist für die Schülerinnen kein Almosen. Zwei Schulstunden sitzen sie dann noch, machen Hausaufgaben lernen für eine bessere Zukunft. Sie werden sicher nicht Mütter von 7-10 Kindern werden.

Es ist mir arg, aber ich möchte Euch, Sie alle bitten, die Unterstützung nicht zu stoppen, sondern weiter zu helfen. Jetzt wo es mit der Schule aufwärts geht, die Leistungen sich bessern, darf man die Schülerinnen des Wirtschaftsgymnasiums Jamhuriat in Kabul nicht im Stich zu lassen.

Mit herzlichen Grüßen

Ruthild Meyer-Oehme

   
                                 
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