| |
Am Rande Es wird dämmrig. An
der Straße nach Darul-Aman stehen die LKWs in Reih und Glied aufgereiht.
Noch sind die Straßen für sie gesperrt. Die Backsteinladung in
Fischgrätenmuster fein säuberlich geschichtet, warten sie darauf, ihre Last
bei Nacht in die Stadt fahren zu können. An der großen Ausfallstraße nach
Osten warten die Sattelschlepper mit den Zementsackladungen und die
Sandlaster. Der Bauboom hält in Kabul unvermindert an. Kleine Hochhäuser,
Minikopien ihrer großen Schwestern in Dubai mit glitzernden Glasfassaden,
prunkvolle Hotels für den Tourismus der Zukunft schossen über Winter wie
Pilze aus dem Boden. Die Karren der Obsthändler, der Altkleider- und
Schuhhändler zu ihren Füßen nehmen sich wie hässliche Tiere aus einer
vergangenen Zeit aus. Die „Grüne Ladenstraße“, für jeden Alt-Kabuler ein
fester Begriff, war einmal. Bagger und Bulldozer kennen keine
Eigentumsrechte.
Der Verkehr hat weiter zugenommen. Mit Sirenengeheul
schaffen sich die für Sicherheit sorgenden afghanischen Polizeifahrzeuge
voller Bewaffneter Fahrtrecht. Den Fahrzeugen der ISAF, hoch oben die bis an
die Zähne gesicherten Soldaten hinter ihren auf die Menge gerichteten hin
und her schwenkenden Bordkanonen, weicht man angstvoll aus, so gut es geht.
Trotz möglichst kreuzungsfreien, neu geschaffenen Einbahnstraßen geht es oft
nur im Schritttempo vorwärts. Für Fahrradfahrer bleibt dann der holprige
„Geh“weg. Im Villenviertel Wazir Akbar Khan gibt es neue Schranken, ganze
Straßenzüge sind durch riesige Betonblöcke einseitig gesperrt. Allerdings -
in der Shar-e Nau müssen Amerikaner weggezogen sein. Dort sind
Betonblocksperren weggeräumt. Ich profitiere davon auf meinem Weg zur
Schule.
Auf den Ausfallstraßen, an großen Kreuzungen in Stadtrandnähe
stockt der Verkehr. Polizisten kontrollieren die Autoinsassen, schauen in
die Kofferräume - bei Tag und besonders bei Nacht. Nachtleben – das gab es
noch vor zwei Jahren. Jetzt sind die Straßen nach neun Uhr fast
ausgestorben. Nächtliche Einbrüche, Entführungen reicher Afghanen zu
Lösegelderpressung nehmen zu.
Weite Strecken fahre ich stets mit dem
Taxi. Immer die gleichen Fragen an den Taxifahrer: verheiratet? „Ja“.
Kinderzahl? „7 – 10“. Gehen sie zur Schule? „Ja“ (früher gab es da meist ein
„Nein!“). Natürlich manche bereits verheiratet, aber nicht arbeitslos (ein
Fortschritt).
Bei Fragen zur Politik werden sie alle ganz erregt:
Karzai-Regierung schlecht, korrupt! Paschtunen, aber auch die meisten
tadjikischen Fahrer: Kampf gegen Taliban überflüssig, besser eine
Taliban-Regierung, da herrscht Ruhe und Ordnung. Die Amerikaner arbeiten mit
den Taliban zusammen, unterstützen sie, profitieren von ihren Drogengeldern
und kämpfen andererseits gegen sie. Keine ausländischen Soldaten! ISAF
überflüssig! Ausländer raus!! Sie verdienen in Afghanistan viel. Das Land
bleibt weiter arm.
Keiner der Fahrer nimmt mir ab, dass ich von der
„Taqa’ud“, der Pension meines Mannes in Kabul bin und nichts in Afghanistan
verdiene.
„Heimkehr“
Ich finde Unterschlupf in dem kleinen Zimmerchen, in dem unser früherer
Helfer Hussein gehaust hat. Bewacht von drei Hunden fühle ich mich wohl und
sicher.
Am ersten Tag nach meiner Ankunft soll mich ein Taxi zum WG
Jaqmhuriat bringen. An der Kreuzung der „ungeborenen Kindlein“ will man den
Fahrer nicht in die Innenministeriumsstraße einbiegen lassen. Als die
Polizisten mich im Auto sehen lachen sie und geben uns die Fahrt frei. -
Rückweg zu Fuß. - Wo denn das Fahrrad sei, werde ich vielfach gefragt. Das
benutze ich dann in den kommenden Tagen.
Nicht nur der alte Wächter
am Tor, „Baba Nassim“, wäre mir am liebsten um den Hals gefallen.
Draussen ist es frühlingshaft warm, drinnen geben die dicken Wände
winterlich feuchte Kälte ab. Von letzten Ferientagen keine Spur:
Nachprüfungen für nicht versetzte Schülerinnen. - Alphabetisierungskurs
durch Gabi Sedeqi für Lehrerinnen der Klassenstufen 1-3 der beiden Schulen
WG Jamhuriat und AORS („Guten Tag! Wie geht es Ihnen?,“ begrüßen mich die
verhärmten Frauen freudestrahlend im Chor. Sie sind so glücklich, dass man
sich um sie kümmert und sie fördert.) - Die Verwaltungsbeamten warten auf
Unterschriften. - Eltern wollen ihre Töchter anmelden und werden immer
wieder abgewiesen. („Wir haben keinen Platz mehr“). –
Es dauert
mehrere Tage, bis die Direktorin, die Vizedirektorin und ich Zeit finden,
die Finanzen der Vergangenheit zu besprechen und die Zukunft zu planen. Das
ist schwierig. Weiss man doch am Tag zuvor noch nicht, ob der Mittwoch frei
ist und Mohammads Geburtstag gefeiert wird, ob das Neujahrsfest am freien
Freitag oder wegen des Schaltjahrs bereits am Donnerstag gefeiert wird, ob
am Samstag noch frei ist oder bereits der erste Schultag.
(„Unglücklicherweise“ fällt Mohammads Geburtstag und das Neujahrsfest auf
denselben Tag, den Donnerstag.) Dass am Samstag frei ist, erfahre ich durch
die Vizedirektorin erst am Freitagabend. Die Direktorin musste zu
Schulbeginn zur medizinischen Behandlung nach Indien fliegen und wird erst
nach meinem Abflug aus Kabul wieder nach dorthin zurückkehren. Leider – ich
schätze sie sehr. Die Vizedirektorin Nafissa verliert die Ruhe nicht und
meistert das Towahobohu der ersten Tage ohne gültigen Stundenplan mit 8
Klassen ohne eigenes Klassenzimmer. Allerdings kommt sie dadurch nicht zur
Übersetzung des neuen von Inge Banauch MBA erstellten Lehrplans für die
Fachrichtung Bürokommunikation, der vor dem Schuljahrsneubeginn als Geschenk
für unser Wirtschaftschaftsgymnasium fertig gestellt wurde.
Das
Wirtschaftsgymnasium Jamhuriat hat jetzt 1300 Schülerinnen. Wie viele
Schüler-Karten brauchen wir? Die Druckerei ist an den Ostrand der Stadt
gezogen. E-Mail-Kontakte gestalten sich schier unmöglich. Nach 12 Tagen
werden endlich die bestellten 900 Karten geliefert. Inzwischen brauchen wir
noch 100 mehr! - Wie viele Busse sollen wir anheuern? Schließlich sind es
13. - Wie viele Essen sollen gekocht werden? Scher kauft Holz, Unmengen von
Reis, Bohnen, Erbsen, Dal, Öl und ist entsetzt über die hohen Preise. Die
Portionen werden kleiner. Es bleibt kaum noch was übrig. Das „Passmaanda“
der Schülerinnen kratzen die Putzfrauen für sich zusammen.
Mein
Kalender füllt sich stets mit neuen Terminen: - Präsident für das
afghanische Berufsschulwesen im MoE Prof. Dr. Omary. Unwissende Afghanen
wollen den Typ des WG Jamhuriat mit anderen Wirtschaftsschulen nivellieren.
Omary ist erbost.
- Leiter der EC-Delegation in Afghanistan, Dr.
Kretschmer. Wird ein neues EC-Projekt am WG Jamhuriat zustande kommen?
- Leiterin des Goethe-Instituts Kabul, Frau Sache-Toussaint. Ob eine
unserer afghanischen Deutschlehrerinnen im kommenden Winter ein
Sprachstipendium in Deutschland wahrnehmen kann? Frau Sedeqi hofft zudem auf
Kursstipendien für einige unserer Schülerinnen im Kabuler Goethe-Institut.
- Landesdirektor des DED, Dr. Schneider. Wie steht es mit einer Expertin
für die Wirtschaftsfächer. Seit mehr als einem halben Jahr fehlt immer noch
die schriftliche Anforderung von afghanischer Seite.
-
Landesdirektor, der GTZ, Dr. Vereno. Für Afghanistan sind große Projekte zur
Förderung des Berufsschulwesens geplant. Wird das WG Jamhuriat da mit
einbezogen werden können?
- Herrn Botschafter Dr. Seidt besuche ich
mit Dr. Vereno zusammen. Er ist wie bisher an der Weiterentwicklung und
Förderung unseres Wirtschaftsgymnasiums für Mädchen sehr interessiert und
unterstützt mich wieder sehr.
- Koordinator für die deutschen Lehrer,
Herrn Dr. Thieme. Verantwortlich für die deutschen Lehrer ist er auch für
deren Sicherheit zuständig. Das WG Jamhuriat gehört neuerdings mit zu seinem
Aufgabenbereich. Einmal in der Woche unterrichtet er dort im „Tandem“.
- Sicherheitsbeauftragter der Deutschen Botschaft Kabul,
Polizeioberkommissar Kuberski. Welches sind seine Vorschläge bez. der
Sicherheitsvorkehrungen für das WG Jamhuriat?
- Rawzia-jon, die
aktive Direktorin der Bibi-Aysha-e Sediqa-Mädchenmoscheeschule. Sie möchte
mich zum Erziehungsminister mitnehmen, um durch meine Gegenwart einen
schnelleren Umzug ihrer Klassen in ein neues Gebäude zu erreichen.
Allerdings fand sich in den drei Wochen nicht so schnell ein Termin.
Oft schlinge ich eine Kleinigkeit im Stehen herunter, weil keine Zeit zum
Essen bleibt.
Vor Darul-Aman in Sala’uddin liegt das Zentrum für
erneuerbare Energien, die European Technic Company (ETC). Es interessiert
mich besonders. Hege ich doch den Gedanken, das teure Holz zum Kochen in der
Schulküche durch Solarenergie zu ersetzen. Die Leute sind nett, die
Solarspiegel nicht im besten Zustand, der Brotbackofen gerade ungenutzt, der
afgh. Leiter nicht erreichbar, auch telefonisch in den nächsten Tagen nicht.
Ich werde in Deutschland versuchen, mit den deutschen Fachkräften von
www.solare-bruecke.org Verbindung aufzunehmen.
Zwei von der GTZ in
das WG Jamhuriat gesandte Fachkräfte sind entsetzt darüber, wie viel Holz
wir täglich verbrennen. Sie wollen einen Plan zur Minimierung des
Heizmaterials ausarbeiten und mir per Mail zusenden.
Das Frühjahr ist
viel zu trocken. Alle – Afghanen wie Ausländer - flehen um Regen. An meinem
Abflugstag, Freitag dem 4.4., setzt er ein, zuerst nur zaghaft. Während der
Taxifahrt zum Flughafen regnet es in Strömen. Der Taxifahrer meint, die
ARIANA-Maschine würde nicht starten können. Doch sie schafft einen
rumorenden Steilanstieg in die dichte Wolkendecke gen Norden.
Vorher
bleibt mir Zeit zum Zurückdenken. Die 3 Wochen in Kabul waren übervoll. Die
größte Überraschung wurde mir am letzten Tag beschert. In der von
afghanischen Bauleuten wieder hergerichteten Theaterhalle des WG Jamhuriat
führten die Winterkursschülerinnen „Schneewittchen“ auf. Bei den
Aberhunderten von zuschauenden Schülerinnen herrschte atemlose Stille. Es
war zwar nur ein einfaches deutsches Märchen, aber so etwas hatten sie noch
nie erlebt. Der tosende Beifall wollte nicht enden. Gabi Sedeqi hatte das
Stück geschrieben, Hassina-jon es mit den Schülerinnen eingeübt. Ich musste
Freudentränen unterdrücken und fühlte mich nicht wohl bei den Ovationen, die
auch mir dargebracht wurden.
Das Wirtschaftgymnasium Jamhuriat wird
nicht mehr untergehen, wie im März 2002 der damalige Vertreter der ZfA
entschieden hatte. In diesem Winter nehmen 32 Absolventinnen am Concours der
Kabuler Uni teil. Gabi Sedeqi wird die Schülerinnen zur ersten
Zertifikatsprüfung Deutsch im kommenden Jahr vorbereiten. Mit ihrem großen
pädagogischen Geschick und ihrer Begeisterung wird sie nicht nur der
Deutschabteilung, sondern die ganzen Schule mitreissen. Die Direktorin, die
Vizedirektorin, viele engagierte Lehrerinnen werden dieses Gymnasium weiter
fördern und somit die Entscheidung rechtfertigen, die ich auf der Deutschen
Botschaft vor wenigen Tagen mit auf den Weg bekommen hatte:
„Deutschland wird drei Gymnasien in Kabul gleichwertig
fördern, die Amani-Oberrealschule, das Gymnasium Aysha-e Durani und das
Wirtschaftsgymnasium Jamhuriat.“
Schlusslichter In Istanbul landet ARIANA auf dem
internationalen Atatürk-Flughafen. Nach einstündigen Kontrollen fährt der
Havas-Bus mich der Dämmerung entgegen. In neun Stunden soll es mit dem
Billig-Flieger Easy Jet vom Flughafen Sabiha Gökcen auf der asiatischen
Seite nach Basel-Mulhouse weiter gehen. - Bin ich in einer orientalischen
Großstadt? Über eine halbe Stunde begleitet ein breites buntes Tulpenband
mit Stiefmütterchen oder Primeln darunter, gesäumt von sattem Grün die
Schnellstraße am Bosporus. Eine solche Frühlingspracht habe ich noch nie
erlebt. Die Blumeninsel Main ist dagegen ein armseliges Tröpfchen. Istanbul
feiert das Tulpenfest! - Ein unvergesslicher Farbenzauber!
Wie wird
es weiter gehen? Alle drei Schulen werden nun von Deutschland gleichwertig
gefördert. Da es an den beiden anderen Schulen kein Bussystem, kein
Mittagessen, keine Hausaufgabenbetreuung im Ausmaße wie bei uns gibt, ist zu
fürchten, dass Deutschland, entgegen der bereitwilligen Förderung des
Botschafters Dr. Seidt dieses „Dreisäulenprojekt“ trotz ermutigender Zusage
im vergangenen November in Berlin nicht unterstützen wird. Seit Schulbeginn
Mitte März trägt unser FAOK alle Ausgaben allein.
Wie wird es weiter
gehen??? Durch die große Teuerung der Lebensmittel auf dem Weltmarkt
schmelzen unsere Geldvorräte schneller als gedacht. Professor Omary forderte
für das Dreisäulenprojekt „Sustainibility“. Noch ist es dafür zu früh. Die
vielfach schmächtigen manchmal fast unterernährten Mädchen stehen geduldig
wartend in einer langen Dreierreihe vor dem Eingang zum Essraum. Gerade die
armen Familien werden von der anhaltenden Teuerung hart betroffen. Der
Teller Reis mit Bohnen ist für die Schülerinnen kein Almosen. Zwei
Schulstunden sitzen sie dann noch, machen Hausaufgaben lernen für eine
bessere Zukunft. Sie werden sicher nicht Mütter von 7-10 Kindern werden.
Es ist mir arg, aber ich möchte Euch, Sie alle bitten, die Unterstützung
nicht zu stoppen, sondern weiter zu helfen. Jetzt wo es mit der Schule
aufwärts geht, die Leistungen sich bessern, darf man die Schülerinnen des
Wirtschaftsgymnasiums Jamhuriat in Kabul nicht im Stich zu lassen.
Mit herzlichen Grüßen
Ruthild Meyer-Oehme
*** Spendenkonto: FAOK, Sparkasse Markgräflerland, BLZ 68351865
Konto-Nr.: 8126500***
Der FAOK ist als gemeinnützig anerkannt.
Mitgliedsbeiträge und Spenden sind steuerlich absetzbar. Ohne genaue Angabe
Ihrer Anschrift ist die Ausstellung einer Spendenbescheinigung nicht möglich
|
|
|